Interview Irene Bückendorf - Deutschlands erfolreichste Artistic-Pole-Athletin und dreifachen Weltmeisterin
von Felix Zilke
Einstieg & Persönlichkeit
Anhalt Sport e.V. (AS): Erinnerst du dich noch an den Moment, als du wusstest: Das ist mein Sport, dafür gehe ich all-in?
Irene Bückendorf (IB): „Polesport hat mich schon zu Schulzeiten interessiert. Ich habe damals geturnt und hatte einen Beitrag im Fernsehen über Nele Sehrt gesehen, die einen Guinness World Record im kopfüber die Stange hochklettern aufgestellt hat. Da wusste ich, dass ich den Sport gerne ausprobieren möchte. Damals war die Studiolandschaft in Deutschland deutlich geringer ausgeprägt als heute, sodass ich meine erste Polestunde erst einige Jahre später besucht habe. Zu Artistic Pole kam ich, als ich mir die Weltmeisterschaft der IPSF im Youtube-Livestream angeschaut habe. Ich fand die Disziplin Pole Sport schon sehr beeindruckend, aber Artistic Pole hat mich wirklich fasziniert. Nicht nur den Sport und exakte Tricks auf die Bühne zu bringen, sondern auch Schauspiel, Interpretation der Musik und mit Requisiten zu interagieren. Ich habe mehrere Jahre in einer Showtanzgruppe (ohne Pole) getanzt und mit Artistic Pole kann ich sowohl das tänzerische Erzählen einer Geschichte als auch meine Leidenschaft für das Turnen an der Stange verbinden.“
AS: Wie würdest du Artistic Pole jemandem beschreiben, der bisher nur klassische Vorstellungen davon hat?
IB: „Vorab: Polesport als Wettkampfsport hat nichts mit erotischem Tanz zu tun. Ganz im Gegenteil - aufreizende Outfits, anzügliche Bewegungen und obszöne Musik sind verboten. Artistic Pole ist anspruchsvolle Akrobatik an zwei vertikalen Stangen, die Kraft, Körperbeherrschung und Flexibilität erfordert. Ich sehe Artistic Pole als den Showtanz im Polesport. Es kommt nicht nur darauf an Tricks korrekt auszuführen, sondern auch ein Thema oder eine Geschichte zu vertanzen. Hierfür dürfen Kostüme und Requisiten genutzt werden. Bewegungen werden auf die Musik und den Charakter abgestimmt.“
Rückblick: Der Weg an die Weltspitze
AS: Deine erste WM 2023 in Polen endete direkt mit Bronze – wie wichtig war dieser Erfolg für deinen weiteren Weg?
IB: „Die Qualifikation für die WM war für mich schon überragend. Direkt bei der ersten WM-Teilnahme die Bronzemedaille zu erreichen hat mich überrascht, aber natürlich wahnsinnig gefreut. Die Platzierung hat mich in dem, was ich tue, absolut bestärkt. Die Medaille hat mir nicht nur gezeigt, dass mein Stil und meine Geschichte beim Publikum und den Judges gut ankommen, sondern auch dass ich mit erfahrenen Athletinnen auf Weltniveau mithalten kann und mir somit viel Motivation gegeben mich sportlich weiterzuentwickeln.“
AS: 2024 folgten zwei Goldmedaillen bei der WM in Schweden, zuletzt Gold im Einzel in Argentinien: Was hat sich zwischen diesen Weltmeisterschaften sportlich und mental bei dir verändert?
IB: „Die Tricks, die ich zeige, sind schwieriger geworden und gleichzeitig baue ich nur noch Tricks ein, die mir leichtfallen. Früher wollte ich meine schwierigsten Tricks zeigen und habe auch Tricks in meine Choreos eingebaut, die ich einzeln gut konnte, aber nicht sicher in einer vierminütigen Choreografie auf der Bühne gebracht habe. Die Anspannung vor solch einem Trick hat man mir beim Tanzen angesehen. Durch die Erfahrungen der letzten Jahre, weiß ich, wie ich mein Training und meine Vorbereitung vor Ort gestalte, damit ich meinen Moment auf der Bühne genießen kann.“
Druck, Motivation & Training
AS: Als beste Artistic-Athletin Deutschlands gehst du oft als Favoritin an den Start – wie gehst du mit diesem Erwartungsdruck um?
IB: „Ich konzentriere mich darauf, was ich gut kann und was ich schon erreicht habe. Für mich zählt, dass ich bei meinen Auftritten eine gute Zeit auf der Bühne habe, zeige, was ich erarbeitet habe und dem Publikum eine unterhaltsame Geschichte erzähle.“
AS: Wie sieht dein Trainingsalltag aktuell aus, und was ist der härteste Teil davon?
IB: „Aktuell arbeite ich intensiv an meinen Choreos, überlege mir Tanzteile sowie Figuren und stimme sie auf die Musik ab. Parallel zur gedanklichen Arbeit und Planung, erlerne ich neue Tricks und setze die Kombinationen Stück für Stück zu einem Ganzen zusammen. Ergänzend mache ich drei Mal wöchentlich Kraft- und Beweglichkeitstraining, um Verletzungen vorzubeugen. Neben dem Training schneidere ich noch mein Kostüm und bastele Requisiten, deshalb ist es für mich herausfordernd in der Wettkampfvorbereitung auch mal bewusst abzuschalten. Es gibt immer etwas, das ich noch verbessern könnte.“
Comeback mit der Gruppe
AS: In Dessau trittst du nach einem Jahr Pause wieder im Group Artistic an – warum war jetzt der richtige Zeitpunkt für das Comeback?
IB: „Zusammengefasst: Geteilte Freude ist doppelte Freude. Polesport ist häufig eine Einzelsportart. Als Gruppe hatten wir 2024 eine unfassbar gute Zeit. Wir haben nicht nur für uns als Individuum, sondern füreinander getanzt. Wenn Figuren mal nicht so klappen, wie wir sie uns vorstellen, suchen wir gemeinsam nach einer Lösung, die für alle passt. Wir bestärken uns gegenseitig und erschaffen ein Gemeinschaftsprojekt. Dieses Gruppengefühl, das gemeinsame Kreieren und das viele Lachen im Training haben wir so sehr vermisst, dass wir uns entschieden, 2026 wieder zusammen auf der Bühne stehen zu wollen.“
Dessau als Austragungsort
AS: Spürt man als Athletin eine besondere Vorfreude, wenn man vor deutschem Publikum startet?
IB: „Es ist immer schön vor Publikum zu zeigen, woran man in der Vorbereitung hart gearbeitet hat. Bislang gibt es beim Verband keine regionalen Meisterschaften oder Vorentscheide. Als Athlet*innen haben wir die deutsche Meisterschaft und, falls man sich qualifiziert, die Weltmeisterschaft als jährlich stattfindende Meisterschaften. Daher ist die deutsche Meisterschaft für viele - und so auch für mich – die Bühne, auf der ich eine neue Choreo das erste Mal präsentiere. Dies ist immer etwas Besonderes.“
AS: Welche Rolle spielen Städte wie Dessau für die Entwicklung und Sichtbarkeit von Nischensportarten wie Artistic Pole?
IB: „Ich finde es wunderbar, dass Dessau dieses Jahr Austragungsort für die DPAM ist. Unsere Sportart(en) können nur bekannter werden, wenn sie mehr Publikum bekommen und mehr Menschen davon erfahren. Deshalb unterstütze ich, dass die DPAM jährlich an verschiedenen Orten stattfindet und somit auch mehr Menschen außerhalb der Pole- und Aerial-Community von unserem Wettkampfsport erfahren. Anhalt-Sport ist sehr erfahren bei der Ausrichtung von Sportevents. Daher freue ich mich darauf, im April nach Dessau zu kommen.“
Artistic Pole & Öffentlichkeit
AS: Artistic Pole wird immer sichtbarer, zuletzt auch durch Social Media – wie wichtig ist diese Bühne für den Sport?
IB: „Social Media bietet für Pole, aber auch für andere Sportarten oder ungewöhnliche Hobbies, eine Plattform, um den Sport darzustellen. Dies ist eine Möglichkeit sich untereinander auszutauschen und zu inspirieren. Aber auch Personen, die (noch) nicht an unserem Sport interessiert sind, können an den Entwicklungen teilhaben – gerade, da die Berichterstattung in anderen Medien noch eher gering ist.“
AS: Was wünschst du dir für die Zukunft von Artistic Pole in Deutschland?
IB: „Ich wünsche mir, dass Poledance - egal ob Artistic oder Sport - gesellschaftlich als (Wettkampf-)Sport akzeptiert und gesehen wird und die Leistungen der Sportler*innen Anerkennung finden. Leider wird Poledance häufig sexualisiert. Viele wissen nicht, dass der Ursprung des Sports in indischen Mallakhamb-Traditionen sowie in chinesischer Zirkusakrobatik liegt. Ich fände es schön, wenn der Sport und die Wettkampflandschaft es schaffen sich weiterzuentwickeln und noch mehr Menschen Lust bekommen Akrobatik an der Stange auszuprobieren.“
Blick nach vorn
AS: Gibt es sportliche Ziele, die selbst nach drei WM-Titeln noch ganz oben auf deiner Liste stehen?
IB: „Konkrete sportliche Ziele im Sinne von „Das möchte ich unbedingt erreichen“ verfolge ich aktuell nicht. Ich bin vor allem dankbar, dass ich meinen Sport ausüben kann und bei Wettkämpfen auf so viele beeindruckende Athletinnen und Athleten treffe. Ich genieße die Atmosphäre und freue mich, wenn ich mit meinen Auftritten das Publikum sowie die Judges begeistere und einen bereichernden Beitrag zur Veranstaltung bieten kann.“
AS: Wo siehst du den Sport in fünf Jahren?
IB: „Ich denke, dass der Sport in den kommenden fünf Jahren weiterhin wachsen wird. Die stetig steigenden Teilnehmendenzahlen bei den deutschen Meisterschaften sind dafür ein deutliches Anzeichen. Wünschenswert wäre, dass das wachsende Interesse auch Sponsoren auf den Sport aufmerksam macht, sodass Trainingsbedingungen und Wettkampfstrukturen zukünftig verbessert werden können.
Danke für die spannenden Fragen und die Möglichkeit, meine Begeisterung für den Sport mit euch zu teilen. Ich freue mich auf die kommende Meisterschaft in Dessau – auf großartige Performances, eine besondere Atmosphäre und darauf, gemeinsam mit vielen talentierten Sportler*innen den Pole und Aerial Sport weiter nach vorne zu bringen und auf der Bühne zu präsentieren.“
